top of page

Führungsvakanz schnell überbrücken im Unternehmen

  • Autorenbild: Christian Benz
    Christian Benz
  • 22. Aug.
  • 5 Min. Lesezeit

Geschäftsführungs-Meeting

Wenn der Geschäftsführer unerwartet ausscheidet, die Vertriebsleitung kündigt oder eine Nachfolge später kommt als geplant, steht weit mehr als eine Stelle offen. Entscheidungen bleiben liegen, Mitarbeitende suchen Orientierung und Kunden spüren rasch, ob das Unternehmen handlungsfähig ist. Eine Führungsvakanz schnell überbrücken heisst deshalb nicht, kurzfristig einen Lebenslauf zu beschaffen. Es heisst, Verantwortung, Entscheidungsfähigkeit und Vertrauen vom ersten Tag an sicherzustellen.

Gerade in Schweizer KMU und Industrieunternehmen entsteht in solchen Phasen ein gefährlicher Zwischenzustand: Die verbleibende Geschäftsleitung arbeitet mehr, aber nicht zwingend wirksamer. Operative Themen verdrängen strategische Aufgaben. Konflikte werden vertagt. Der Verwaltungsrat wird tiefer ins Tagesgeschäft gezogen, obwohl seine Rolle Klarheit und Kontrolle verlangt. Je länger dieser Zustand dauert, desto höher werden die wirtschaftlichen und personellen Folgekosten.

Was eine Führungsvakanz tatsächlich gefährlich macht

Eine Vakanz ist nicht allein ein Kapazitätsproblem. Sie legt oft Abhängigkeiten offen, die im Alltag verdeckt bleiben. Wenn nur eine Person Kundenbeziehungen, kritisches Prozesswissen, Personalentscheide oder die Prioritäten im Betrieb zusammenhält, fehlen mit ihrem Weggang nicht nur Arbeitsstunden. Es fehlt ein verbindlicher Orientierungspunkt.

Besonders kritisch wird es, wenn gleichzeitig Veränderungsdruck besteht: sinkende Margen, Lieferprobleme, ein anspruchsvolles Investitionsprojekt, eine Reorganisation oder eine offene Nachfolge. Dann braucht das Unternehmen keine Übergangsverwaltung. Es braucht eine Führungspersönlichkeit, die Entscheidungen vorbereitet, trifft und in der Umsetzung nachhält.

Die zentrale Frage für Inhaber und Verwaltungsräte lautet daher nicht: Wer kann die Aufgaben vorübergehend verteilen? Sie lautet: Welche Führungswirkung muss innerhalb weniger Tage wieder vorhanden sein? Davon hängt ab, ob eine interne Übergangslösung genügt oder ob ein externer Interim Manager operative Verantwortung übernehmen sollte.

Führungsvakanz schnell überbrücken: Die ersten zehn Arbeitstage

Die ersten Tage bestimmen, ob sich Unsicherheit verfestigt oder ob das Unternehmen wieder Tritt fasst. Ein erfahrener Interim Manager beginnt nicht mit einem monatelangen Analyseprojekt. Er schafft zunächst Übersicht, setzt Prioritäten und macht Führungsverantwortung sichtbar.

Auftrag, Entscheidungsrechte und Zielbild klären

Vor dem Start müssen Verwaltungsrat, Eigentümer oder CEO drei Punkte verbindlich festlegen: den Auftrag, die Entscheidungsbefugnisse und die Erfolgskriterien. Soll die interimistische Führung lediglich stabilisieren? Soll sie ein schwieriges Team neu ausrichten, ein Ergebnisproblem beheben oder eine Nachfolge vorbereiten? Diese Unterschiede sind entscheidend für Profil, Mandatsdauer und Eingriffstiefe.

Unklare Mandate erzeugen Reibung. Wenn ein Interim CEO für Resultate verantwortlich ist, aber bei Personal-, Preis- oder Investitionsentscheiden jedes Mal auf Freigaben warten muss, verliert das Unternehmen Zeit. Klare Governance schützt beide Seiten: Der Verwaltungsrat behält die strategische Kontrolle, die operative Führung kann wirksam handeln.

Präsenz schaffen, bevor Gerüchte führen

Mitarbeitende akzeptieren eine Übergangslösung nicht wegen eines Organigramms, sondern wegen nachvollziehbarer Führung. In den ersten Tagen braucht es Gespräche mit Schlüsselpersonen, eine klare Kommunikation zur Ausgangslage und eine einfache Antwort auf die Frage: Was hat jetzt Priorität?

Dabei geht es nicht darum, vorschnell grosse Veränderungen anzukündigen. Glaubwürdigkeit entsteht durch Ruhe, Verbindlichkeit und sichtbare Entscheidungen. Wenn Liefertermine gefährdet sind, braucht der Betrieb einen abgestimmten Plan. Wenn ein Bereich ohne Leitung arbeitet, müssen Rollen und Eskalationswege geklärt werden. Wenn Kunden verunsichert sind, muss die Ansprache persönlich und konsistent erfolgen.

Die Lage operativ und wirtschaftlich erfassen

Eine gute Erstdiagnose verbindet Zahlen mit Realität. Umsatz, Auftragseingang, Deckungsbeiträge, Liquidität, offene Forderungen und Kapazitäten liefern einen ersten wirtschaftlichen Blick. Gespräche mit Vertrieb, Produktion, Finanzen und wichtigen Kunden zeigen, wo die Risiken tatsächlich liegen.

In Industrieunternehmen reicht ein Blick auf die Monatsrechnung selten aus. Rückstände in der Produktion, Qualitätsprobleme, kritische Lieferanten oder fehlende technische Entscheidungen können sich zeitverzögert auf Ergebnis und Reputation auswirken. Deshalb müssen operative Kennzahlen rasch auf den Tisch: Liefertreue, Ausschuss, Durchlaufzeiten, Auftragsbestand und Auslastung. Nicht jede Abweichung verlangt sofort einen Eingriff. Aber jede wesentliche Abweichung braucht einen Verantwortlichen und einen Termin für die Entscheidung.

Interim Management oder interne Übergangslösung?

Eine interne Lösung kann sinnvoll sein, wenn ein klar geeigneter Stellvertreter vorhanden ist, die Lage stabil ist und die Vakanz absehbar kurz bleibt. Sie stärkt Entwicklungsperspektiven und vermeidet Einarbeitungszeit. Allerdings darf daraus keine Überforderung entstehen. Wer zusätzlich zu seiner bisherigen Verantwortung eine Geschäftsleitungsfunktion übernimmt, braucht echte Entlastung, klare Befugnisse und Rückendeckung.

Ein externes Interim Mandat ist besonders sinnvoll, wenn die Position unmittelbare C-Level-Erfahrung verlangt, wenn Interessenkonflikte bestehen oder wenn das Unternehmen gleichzeitig Veränderungen umsetzen muss. Der Vorteil liegt nicht nur in der kurzfristigen Verfügbarkeit. Ein externer Manager bringt Abstand zu gewachsenen Mustern mit, kann unangenehme Themen neutral ansprechen und bleibt auf ein klar definiertes Ergebnis verpflichtet.

Der Unterschied zur Beratung ist wesentlich. Ein Berater analysiert, empfiehlt und begleitet. Ein Interim Manager übernimmt eine operative Rolle, führt Mitarbeitende, entscheidet im vereinbarten Rahmen und verantwortet die Umsetzung. Gerade bei einer kritischen Führungsvakanz ist diese Verbindung aus Analyse und Handeln oft ausschlaggebend.

Das passende Profil ist wichtiger als der perfekte Lebenslauf

Unter Zeitdruck wird häufig zu stark auf Branche, Titel oder ein bekanntes Unternehmen im Lebenslauf geschaut. Diese Kriterien sind relevant, aber nicht ausreichend. Entscheidend ist, ob die Person die konkrete Führungsaufgabe beherrscht.

Bei einer vakanten Geschäftsführung in einem produzierenden Unternehmen braucht es beispielsweise andere Schwerpunkte als bei einer Vertriebsleitung im technischen B2B-Handel. Im ersten Fall können operative Exzellenz, Ergebnissteuerung und die Zusammenarbeit mit Produktion und Supply Chain im Vordergrund stehen. Im zweiten Fall sind Kundenbindung, Vertriebsführung, Preisdisziplin und Pipeline-Management oft dringlicher.

Bei der Auswahl sollten vier Fragen beantwortet werden:

  • Hat die Person vergleichbare Ergebnis- und Personalverantwortung bereits getragen?

  • Kann sie in der vorhandenen Governance mit Eigentümern, Verwaltungsrat und Geschäftsleitung wirksam arbeiten?

  • Verfügt sie über die notwendige Durchsetzungskraft, ohne Vertrauen im Team zu verspielen?

  • Ist sie zeitnah verfügbar und bereit, ausreichend vor Ort Verantwortung zu übernehmen?

Ein Mandat scheitert selten an fehlendem Fachwissen allein. Häufiger fehlen Passung, Klarheit über die Rolle oder die Bereitschaft, konsequent zu entscheiden. Darum gehören ein offenes Gespräch über die kritischen Themen und belastbare Referenzen vor die Vertragsunterzeichnung.

Stabilisieren, verbessern, übergeben

Eine Führungsvakanz darf nicht zu einem Stillstand führen. Gleichzeitig wäre es riskant, in den ersten Wochen jede bestehende Struktur infrage zu stellen. Die richtige Reihenfolge lautet: Stabilität herstellen, Ursachen verstehen, gezielte Verbesserungen umsetzen und die Übergabe vorbereiten.

In der Stabilisierungsphase stehen Kunden, Mitarbeitende, Liquidität und laufende Entscheidungen im Mittelpunkt. Danach folgt die Verdichtung: Welche Probleme sind strukturell, welche nur situativ? Wo fehlen Verantwortlichkeiten? Welche Kennzahlen werden nicht sauber geführt? Welche Projekte binden Ressourcen, ohne einen erkennbaren Beitrag zu leisten?

Erst auf dieser Basis sollten grössere Massnahmen entschieden werden. Das kann eine Anpassung der Vertriebssteuerung, eine Neuordnung von Entscheidungswegen, eine Restrukturierung von Bereichen oder eine konsequentere Kostenführung sein. Nicht jede Vakanz muss zur Transformation werden. Aber manche Vakanz schafft die notwendige Freiheit, überfällige Entscheidungen endlich umzusetzen.

Parallel beginnt die Vorbereitung der nachhaltigen Besetzung. Dazu gehören ein realistisches Anforderungsprofil, die Dokumentation wichtiger Entscheide und eine strukturierte Übergabe. Die Nachfolgerin oder der Nachfolger sollte nicht bei null beginnen, sondern eine klare Ausgangslage, funktionierende Führungsroutinen und priorisierte Themen übernehmen.

Typische Fehler, die Zeit und Vertrauen kosten

Der erste Fehler ist Abwarten. Viele Unternehmen hoffen, dass das Team die Situation einige Wochen selbst auffängt. Das kann funktionieren, wenn Aufgaben und Verantwortlichkeiten klar sind. Fehlt diese Klarheit, verlagert sich die Unsicherheit schnell in Kundenprojekte, Personalfragen und interne Machtkämpfe.

Der zweite Fehler ist die diffuse Doppelrolle. Wenn ein Verwaltungsratsmitglied oder Bereichsleiter faktisch führt, aber formal keine Befugnisse besitzt, entstehen widersprüchliche Signale. Führung braucht einen klaren Absender.

Der dritte Fehler ist eine zu enge Aufgabenbeschreibung. Wer nur die vakante Stelle verwalten will, übersieht oft die eigentliche Aufgabe: die Organisation durch eine kritische Phase zu führen. Ein befristetes Mandat muss nicht dauerhaft angelegt sein. Es muss aber so ausgestaltet werden, dass es Wirkung entfalten kann.

Auch die Kostenfrage sollte sauber betrachtet werden. Ein transparenter Tagessatz für erfahrene C-Level-Unterstützung wirkt auf den ersten Blick höher als eine interne Verschiebung. Gegenüber stehen jedoch keine langfristige Personalbindung, keine Sozialabgaben und vor allem weniger Kosten durch verzögerte Entscheide, verlorene Kunden oder falsch priorisierte Massnahmen.

Wer eine Führungsvakanz entschlossen angeht, gewinnt mehr als Zeit. Das Unternehmen erhält eine Gelegenheit, Verantwortung neu zu ordnen, Erwartungen klar zu machen und die nächste Führungsbesetzung auf ein stabileres Fundament zu stellen. Entscheidend ist, den ersten Schritt nicht erst dann zu machen, wenn die Folgen der Vakanz bereits im Ergebnis sichtbar werden.

bottom of page